Abwärts und nicht vergessen…

Etwa ein bis zwei Jahre lange waren wir damit beschäftigt uns in allgemeinem Chaos und Verwirrung aufzulösen, indem wir wöchentlich LSD und andere Substanzen einwarfen. Wir machten uns in den Sommerferien 1996 auf, um vier Tage mit Inter-Rail zu trampen, jeder vier Nonames (weisse Trips) und einige Amphetaminkapseln im Gepäck. Wir sahen auf dem Viertagestrip unter anderem eine Fabrik abbrennen (in echt) und die Erde im Stillstand (in LSD), als wir zurückkamen hatten wir erstmal noch etwa eine Woche zu warten, bis wir wieder ganz klar wurden. In den selben Ferien bekam ich eine Psilos-Ladung ab, die mir Erleuchtungszustände einbrachten und die Welt nur noch in blau-rot wahrnehmen liess. Wöchentlich versuchten wir, in «höhere Sphären» vorzudringen. Wir glaubten, dass wir mit dem Rausch zusehends besser umgehen konnten, denn wir konnten mit kleinern Dosen uns «tiefer in den Rausch» steigern (was im Rückblick eine zunehmende psychische Empfindlichkeit darstellt, deuteten wir als das Gegenteil). Ich sah die Erde angetrieben von meinen Füssen, die Jahreszeiten innert einiger Minuten, in Seifenblasen eingesperrte Menschen. Wir trieben uns in Wäldern rum oder reisten in die Berge um von Gipfeln in die Ferne zu blicken mit der festen Überzeugung noch in Kilometern Entfernung alles zu erkennen. Wir schwebten durch unser Städtchen und rannten vor imaginären Tieren davon. Wir lagen auf dem Rücken und sahen die Wolken allerlei Spielchen anstellen und versteckten uns vor anderen Menschen, da wir nicht mit ihnen Sprechen konnten. Wir schwiegen im Glaube eines tiefen Einverständnisses und lachten uns gemeinsam durch die Welt aus fliessenden Konturen und voller absonderlicher Erscheinungen. Doch irgendwann Anfangs 1997 merkten wir – es waren unterdessen schon einige «Mitreisende» ausgestiegen bzw. eingeliefert –, dass uns psychedelische Substanzen nicht mehr wirklichauf die Gipfel der Schönheit und des Ausserordentlichen spedierten, sondern uns immer mehr in die eigene unterdessen recht kaputte Psyche drückten. Wir brauchten alle längere Zeit um von den Trips wieder ganz runterzukommen, hatten regelmässige Flashbacks, Schlafprobleme und andere Symptome aufzuweisen (Ich hatte zum Beispiel beim Essen das Gefühl, dass die Lebensmittel nicht mehr von selbst meinen Hals runter wandern wollten, sondern ich sie runterwürgen musste). Wir mussten irgendwie bremsen und brauchten dafür relativ schnell «Generika».

Speed aka Amphetamin war zu viel unspektaulär, ja geradezu lächerlich in seiner Wirkung. MDMA kam nicht in Frage wegen der kurzen Dauer und des Hangovers. Koks war zu teuer und mir persönlich zu dumpf (hat im Endeffekt wohl am meisten Vollzeitsüchtige in meinem Bekanntenkreis hervorgebracht). Also bleib eigentlich nur noch Sugar. Wir hatten alle die Bilder von Junkies im Kopf und wussten, um die hochgradige Gefahr, die ein regelmässiger Heroinkonsum mit sich bringt. Dennoch kauften wir uns an einem Wochenende ein Gramm und rauchten im Wald einige Folien. Wir kotzen grossartig rum, aber das Zeug war der Hammer: Ich lag bei Tagesanbruch unter einem Baum, der schützend seine Krone über mich spannte und regelmässige Muster aufwies, welche von den Sonnenstrahlen in herrlichster Herrlichkeit beschienen wurde. Wärme strömte in meine Glieder, ich war geborgen im Schoss der Mutter Erde und fühlte mich unendlich behaglich… Am nächten Tag kotzte ich mir die Lunge aus dem Körper und beschloss – nun nüchtern –, die Scheisse sein zu lassen. Ich rauchte zwar in der Folge noch einige Male Sugar, aber nicht mehr in der hohen Konzentration wie das erste Mal. Pj und Le stürzten auf das Zeug ab (Pj ist heute weg, dafür aber in einer Psychiatrie und von Le kann ich nichts mit Sicherheit sagen). Dass ich selbst nicht darauf abstürzte hatte auch damit zu tun, dass in den Wochen nach dem ersten Heroin-Konsum (aber nicht in kausalem Zusammenhang) meine drogeninduzierte Psychose mit einem Schlag den absolut zentralen Platz in meinem Leben einnehmen: Ich wollte nach einer Schulpause gerade hoch ins Klassenzimmer, als mitten auf dem Treppenabsatz mir der Himmel auf den Kopf fiel und ich den Boden unter den Füssen verlor um in die dunklen Tiefen zu stürzen…


1 Antwort auf “Abwärts und nicht vergessen…”


  1. 1 kapsler hauser 31. Oktober 2006 um 16:59 Uhr

    hirn kaputt, oder warum gehts hier nicht weiter? ;)

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