Here we go

Irgendwann im Sommer 1995 kam die Substanz ins Spiel, die fortan unser fast ständiger Begleiter werden sollte. Lysergsäurediethylamid, besser bekannt als LSD. Wenn man sich heute Drogen-Informations-Portale durchsieht oder sich bei Leuten umhört, die es «gut meinen mit der Jugend», dann erfährt man immer eines: Wenn man mit psychedelischen Drogen anfängt zu experimentieren, dann bitte erst mit softeren Sachen und nicht gleich mit «Trips». Naja, bei mir kam’s ganz anders und zwar so:

An einem Mittwochabend trafen wir uns wie gewöhnlich um am sogenannten «Abendverkauf» abzuhängen. Am Mittwoch hatten die Läden in unserem Städtchen bis zwanzig Uhr offen und deshalb hatte man sich an der einzig halbwegs urbanen Strasse einzufinden. Nun brachte an diesem Abend Le ein kleines Stückchen Papier mit, welches er von irgend jemandem gekauft hatte und welches man «Trip» nannte. Da wir wie auch von sonst allem keinerlei Ahnung von der Wirkung hatten, beschlossen wir, das Teil einzuwerfen obwohl wir beide am nächsten Tag zur Arbeit musste. Nach gut einer halben Stunde glaubten wir, dass das Ding ein Fake war und beschlossen in einem Supermarkt einige Biere zu erstehen. Als wir die Pforte des Marktes durchschritten hatten bot sich mir ein ungeahntes Schauspiel. Das innere des Gebäudes erstreckte sich in weite Ferne und rund um mich herum schien irgendwie alles in Bewegung. Ausserdem hatte ich plötzlich das Gefühl, aus meinen Augen wie aus einem fremden Kopf zu schauen. Wir beschlossen doch kein Bier zu kaufen und machten – bereits lachend – auf dem Absatz kehrt und traten ins Freie. Dort stellte ich mit Erstaunen fest, wie verdammt hoch der Himmel eigentlich ist. Ich schaute Le an, der schien komisch rötlich zu leuchten und lachte mir ins Gesicht. Zeitgleich begannen wir zu laufen. Raus aus der Menschenmenge. Raus aus dem Dorf. Laut lachend fanden wir uns in einem Wohnquartier wieder, in welchem uns ein Hund bellend begrüsste, was uns veranlasste wiederum einige hundert Meter zu rennen. Lauthals lachend kamen wir auf einer Wiese hinter einem alten Schuppen zum stehen, der Trip hatte uns voll erfasst. Optisch hatte sich nicht allzuviel verändert: die Gesichter der Menschen waren zu komischen regungslosen Masken geworden und die Dinge um uns herum schienen in langsamer gleichmässiger Bewegung begriffen. Die Haut von Le schimmerte rötlich und sein Gesicht schien mir ziemlich fremd. Gefühlsmässig ging’s voll ab. Zum einen hatte ich wie auf LSD üblich ein sehr stranges Körpergefühl, wusste nicht mehr, ob ich auf die Toillette musste, wusste nicht, was mit meinen Armen anzufangen und hatte Knie wie Butter und eine Brust aus Wachs. Zudem hörte ich mir selbst beim Sprechen zu, was immer wieder Lachattacken auslöste, in welche Le einstimmte. Man kann die psychischen «Gefühle» leider kaum bis nicht beschreiben, es ist als wolle man etwas erklären, was ausserhalb des Erfahrungshorizonts der meisten Menschen ist. Als wolle man Glücksgefühle oder Angst jemandem erklären, der es nicht selbst nicht kennt. Wie auch immer. In diesem Zustand machten wir uns, nachdem wir nach etwa zwei Stunde herumirren und immer wieder neues entdecken an unseren «Stammplatz» zurückgefunden hatten, auf um bei Hs den restlichen Abend zu verbringen. Dieser bewohnte eine eigene Etage im Haus seiner Eltern. Ich war schon dutzende Male da gewesen, aber als ich das Zimmer betrat war alles anders: Die Bilder an den Wänden schienen aus dem Boden zu wachsen, das Bett war riesig und irgendwie in der Mitte verkrümmt, die Maserung der Holzbalken veränderte sich zusehends. Den restlichen Abend verbrachte ich damit, einen riesigen Knoten aus den Gardinenschnüren zu entwirren, was meine gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte und mich ziemlich nahe an einen Nervenzusammenbruch brachte.

Um etwa elf Uhr machte ich mich auf nach Hause um – mich an meinen Eltern vorbeischmuggelnd – gleich ins Bett zu gehen. Einschlafen konnte ich unmöglich, meine Gedanken kreisten um alles mögliche: um Formen, um Farben welche spontan vor meinen Augen erschienen und wieder verschwanden. Ich konnte keinen normalen Gedanken fassen und wenn ich die Augen öffnete, so sah ich mein Zimmer in drei Etagen bzw. Dimensionen unterteilt. So verbrachte ich die nächsten Stunden bei Dämmerlicht in meinem Zimmer und untersuchte mein Zimmer, bis ich schliesslich spät Morgens einschlief. Am nächsten Tag ging ich Arbeiten und schlief auf der Toilette ein.