Bilanz des Krieges

Hat lange gedauert. Um aber vorallem auch Kasperle Hauser nicht zu enttäuschen reiche ich hiermit die Bilanz meiner Karriere nach

Wie lange mein Fall dauert(e) kann man per Email oder auch im Gespräch mit mir herausfinden (das ist mir dann doch zu wenig blogtauglich). Die Bilanz meiner Drogenjugend kann sich aber wohl in jeder Psychiatriestatistik sehen lassen. Im folgenden sind nur die nächsten Drogenfreunde aufgeführt:

Le. Le hatte an einem schönen Tag Engelstrompeten gegessen. Wieviel ist nicht bekannt – er mag sich auch nicht richtig erinnern. Nachdem er einige Stunden mit seinen Eltern (oder auch nicht – das ist nicht mehr genau zu eruieren) zusammen war, musste er panisch reiss aus nehmen und geriet in seinem Zimmer in eine Schleife, die er bis heute (ca. 7 Jahr später) nicht verlassen hat: Paranoia, Schlafstörungen, psychotische Störungen, Halluzinationen. Kurzjobs. Sozialhilfe(?). Wohnung, wo ihn seine Drogenfreunde belagerten. Als ich das letzte mal mit ihm gesprochen habe, war er grad auf Koks abgestürzt und erklärte, dass er ohnehin nicht länger als bis 30 leben wolle.

Pj. Pj kam erstaunlicherweise einige Jahre klar, spielte aber immer mehr Internetspiele und blieb immer zu Hause. Als ich ihn besuchte, redete er per Headset mit irgendwelchen «Freunden» aus irgendwelchen Gegenden der Welt. Vor einigen Monaten rief die Firma, bei der er seinen Kack-Job machte, seinen Mitbewohner an und erklärte, dass er nicht mehr bei der Arbeit erscheine. Sein Mitbewohner fand ihn in seinem Zimmer. Wände gelb. seit Tagen nicht mehr geduscht und Kleider nicht gewechselt. Seit Monaten hab ich nichts mehr von ihm gehört, laut seinem Mitbewohner ist er in einer Psychiatrie in der Slowakei (wo er herstammt).

Sa. Sa kam irgendwann zu mir, als ich noch in einer WG wohnte, wo täglich dutzende Leute aus und ein gingen. Um etwa zwölf Uhr wollte ich ihn nach hause bitten, da ich am nächsten Tag arbeiten musste. Sa erklärte allerdings, dass ich ihm seine Beine nicht geben würde und er entsprechend nicht gehen könne. Nachdem ich ihn doch rausspediert hatte, hörte man einige Tage nichts mehr von ihm. Anscheinend sei er zwei Tage barfuss durch unser Städtchen geirrt und dann direkt in die Psychiatrie eingewiesen worden. Vor etwa einem Jahr sah ich ihn wider: Schönes neues Auto. Herausgeputzt. Gut bürgerlich. Als ich allerdings mit ihm sprach, erhielt ich als Antwort hauptsächlich unzusammenhängende Satzfragmente zu hören, welche immerhin klar machten, dass er noch immer in psychiatrischer Behandlung ist.

Os. Os kam irgenwann von einer Goa-Party zurück und erzählte, dass er Miau-Miau-Wurst gegessen habe. Miau-Miau-Wurst war auch alles, worüber man sich fortan ernsthaft mit ihm unterhalten konnte. In der Folge tauchte er in immer neuen erstaunlichen «Kostümen» auf und trug immer einen schwarzen Regenschirm bei sich. Betreutes Wohnen. Psychiatrische Behandlung.

Hi. Hi kam irgendwie klar mit all dem Zeug. Einzig an Wochenende betrinkt er sich unglaublich und wacht nicht selten an den wildesten Orten auf. Das muss allerdings nicht mit dem früheren massiven Drogenkonsum in kausalem Zusammenhang stehen, sondern erklärt sich schon aus seinem beschissenen Job, den er 8 Stunden jeden Tag machen muss (Schicht, Massenproduktion).

Be. Be war sowas wie unser Mentor in Sachen Drogen organisieren und konsumieren. Wurde eines Nachts zu Tode geschleppt von einem Autor. Laut Polizei hängte sein Gürtel bei einem Auto ein. Allerdings trug er eigentlich immer Trainingshosen und wog um die 100 Kg.

Re. Re war erst kurz vor meinem «Ausstieg» mit LSD in Berührung gekommen und kassierte doch in kürzester Zeit eine ziemlichen «Brainfuck». Er war einige Wochen kaum aufzufinden und meldete sich Krank, blieb in seinem Zimmer und wurde von seinen Eltern zu einem Psychologen (nicht Psychiater) geschickt. Heute ist er schwer Alkoholiker und auf Koks. Als ich das letze Mal mit ihm gesprochen habe, erklärte er, dass er in einer psychischen Regenerationsphase sei – etwa 4 Jahre nach dem letzen Trip.

Es gab dann noch einige Leute, die einigermassen glimpflich davon kamen und andere, die auf Koks oder Sugar oder einfach Alkohol abstürzten, die genannten Fälle sind allerdings symptomatischer für die Art von Drogenkarriere, welche ich durchgemacht habe: Sehr jung begonnen, sehr viele Drogen (verschiedene und in kurzen Abständen) und sehr exzessive und unreflektierte Konsumationsweise.

Abwärts und nicht vergessen…

Etwa ein bis zwei Jahre lange waren wir damit beschäftigt uns in allgemeinem Chaos und Verwirrung aufzulösen, indem wir wöchentlich LSD und andere Substanzen einwarfen. Wir machten uns in den Sommerferien 1996 auf, um vier Tage mit Inter-Rail zu trampen, jeder vier Nonames (weisse Trips) und einige Amphetaminkapseln im Gepäck. Wir sahen auf dem Viertagestrip unter anderem eine Fabrik abbrennen (in echt) und die Erde im Stillstand (in LSD), als wir zurückkamen hatten wir erstmal noch etwa eine Woche zu warten, bis wir wieder ganz klar wurden. In den selben Ferien bekam ich eine Psilos-Ladung ab, die mir Erleuchtungszustände einbrachten und die Welt nur noch in blau-rot wahrnehmen liess. Wöchentlich versuchten wir, in «höhere Sphären» vorzudringen. Wir glaubten, dass wir mit dem Rausch zusehends besser umgehen konnten, denn wir konnten mit kleinern Dosen uns «tiefer in den Rausch» steigern (was im Rückblick eine zunehmende psychische Empfindlichkeit darstellt, deuteten wir als das Gegenteil). Ich sah die Erde angetrieben von meinen Füssen, die Jahreszeiten innert einiger Minuten, in Seifenblasen eingesperrte Menschen. Wir trieben uns in Wäldern rum oder reisten in die Berge um von Gipfeln in die Ferne zu blicken mit der festen Überzeugung noch in Kilometern Entfernung alles zu erkennen. Wir schwebten durch unser Städtchen und rannten vor imaginären Tieren davon. Wir lagen auf dem Rücken und sahen die Wolken allerlei Spielchen anstellen und versteckten uns vor anderen Menschen, da wir nicht mit ihnen Sprechen konnten. Wir schwiegen im Glaube eines tiefen Einverständnisses und lachten uns gemeinsam durch die Welt aus fliessenden Konturen und voller absonderlicher Erscheinungen. Doch irgendwann Anfangs 1997 merkten wir – es waren unterdessen schon einige «Mitreisende» ausgestiegen bzw. eingeliefert –, dass uns psychedelische Substanzen nicht mehr wirklichauf die Gipfel der Schönheit und des Ausserordentlichen spedierten, sondern uns immer mehr in die eigene unterdessen recht kaputte Psyche drückten. Wir brauchten alle längere Zeit um von den Trips wieder ganz runterzukommen, hatten regelmässige Flashbacks, Schlafprobleme und andere Symptome aufzuweisen (Ich hatte zum Beispiel beim Essen das Gefühl, dass die Lebensmittel nicht mehr von selbst meinen Hals runter wandern wollten, sondern ich sie runterwürgen musste). Wir mussten irgendwie bremsen und brauchten dafür relativ schnell «Generika».

Speed aka Amphetamin war zu viel unspektaulär, ja geradezu lächerlich in seiner Wirkung. MDMA kam nicht in Frage wegen der kurzen Dauer und des Hangovers. Koks war zu teuer und mir persönlich zu dumpf (hat im Endeffekt wohl am meisten Vollzeitsüchtige in meinem Bekanntenkreis hervorgebracht). Also bleib eigentlich nur noch Sugar. Wir hatten alle die Bilder von Junkies im Kopf und wussten, um die hochgradige Gefahr, die ein regelmässiger Heroinkonsum mit sich bringt. Dennoch kauften wir uns an einem Wochenende ein Gramm und rauchten im Wald einige Folien. Wir kotzen grossartig rum, aber das Zeug war der Hammer: Ich lag bei Tagesanbruch unter einem Baum, der schützend seine Krone über mich spannte und regelmässige Muster aufwies, welche von den Sonnenstrahlen in herrlichster Herrlichkeit beschienen wurde. Wärme strömte in meine Glieder, ich war geborgen im Schoss der Mutter Erde und fühlte mich unendlich behaglich… Am nächten Tag kotzte ich mir die Lunge aus dem Körper und beschloss – nun nüchtern –, die Scheisse sein zu lassen. Ich rauchte zwar in der Folge noch einige Male Sugar, aber nicht mehr in der hohen Konzentration wie das erste Mal. Pj und Le stürzten auf das Zeug ab (Pj ist heute weg, dafür aber in einer Psychiatrie und von Le kann ich nichts mit Sicherheit sagen). Dass ich selbst nicht darauf abstürzte hatte auch damit zu tun, dass in den Wochen nach dem ersten Heroin-Konsum (aber nicht in kausalem Zusammenhang) meine drogeninduzierte Psychose mit einem Schlag den absolut zentralen Platz in meinem Leben einnehmen: Ich wollte nach einer Schulpause gerade hoch ins Klassenzimmer, als mitten auf dem Treppenabsatz mir der Himmel auf den Kopf fiel und ich den Boden unter den Füssen verlor um in die dunklen Tiefen zu stürzen…

Mind-blowing; die erste

An einem Samstag-Abend – in unserem Städtchen war gerade das alljährliche «Stadtfest» – gingen Pj, Le und ich mal wieder in den Wald um dort unserer unterdessen üblichen Wochenendbeschäftigung nachzugehen. Blöderweise hatte Pj für uns drei bloss zwei Miraculix 500 übrig, so dass wir alle nur dreiviertel abbekamen. Obwohl wir unterdessen bereits ordentlich Erfahrung mit ganzen Miraculix gesammelt hatten, hofften wir noch auf einen guten Flash, weil eine Urban-Legend (oder eben doch nicht) besagt, dass am Rand der LSD-Bogen mehr LSD sich angesammelt habe. Und wir hatten da ganz offensichtlich zwei Trips vom Rand eines Bogens.

Und tatsächlich musste ich mich nach gut dreiviertel Stunden bereits ziemlich an einer knallrot gestrichenen Sitzbank festhalten, auf der wir uns niedergelassen hatten. Nach einer Stunde verliessen wir die Bank fluchtartig aber lachend – wobei ich mir von aussen beim Lachen zuhörte, was ich gar nicht so witzig fand – Richtung (n)irgendwo. Wir hielten uns an den Händen fest, weil wir Angst hatten, einander zu verlieren. Als wir schliesslich nach kurzem Schweben auf einer Lichtung ankamen ging’s derart ab, dass wir uns spontan hinlegen mussten. Es zog mir einfach den Boden unter den Füssen weg und ich sank tief in die Wiese hinein. Mein Körper drohte sich in tausend Ameisen aufzulösen, die in mich und durch mich hindurch krochen. Angst stahl meinen Hals hoch. Doch bevor sich eine Paranoia ausbreiten konnte hatte der Himmel mich vollkommen in seinen Bann gezogen und ich vergass alles um mich herum. Da oben war die Hölle los: Etwa in der Mitte meines Blickfeldes war sowas wie ein schwarzes Loch entstanden, in welches alle Wolken mit ungeheurer Geschwindigkeit hineinströmten während sie durcheinander und ineinander flossen. Das Ganze lief irgendwie symetrisch ab, ich glaube, dass zwei Spiegelachsen in den Himmel eingelassen waren, aber an zählen oder geometrische Figuren deuten war nicht zu denken. Es war nicht so (wie bei schwächeren Trips), dass ich da irgendwie konzentriert hätte hinschauen müssen. Das Zeug war einfach da, so deutlich und real wie die Bäume im Wald – welche unterdessen in allen Farben erstrahlten und jeder hinter sich selbst in vierfacher Ausführung in der Gegend rumstand (schön nach der Farbelehre geordnet). Die Wolken veränderten permanent ihre Farbe und verwandelten sich in Figuren (ich mag mich an Elefanten erinnern) die sich gegenseitig verschlingend ins schwarze Loch brausten. Neben mir lagen Le und Pj, oder besser ich vermutete, dass sie da lagen, ich erkannte nämlich in meiner näheren Umgebung nichts mehr. Da war nur noch WirrWarr, ein Durcheinander von Farben und Formen, welches ich nicht zu beschreiben vermag. Und ebenso sah es mit meinen Gefühlen aus. Diese wechselten von leichter Paranoia über «Erleuchtungsgefühle» (ich sollte auf Psilos noch stärkere «Erleuchtungen» erleben) bis zum Gefühl der Entkörperung, der Auflösung in dem wild wuselnden WirrWarr närrischer Wunderdinge. Nach gefühlten zehn Minuten, die sich als drei Stunden herausstellen sollten, waren wir soweit wieder bei Verstand, dass wir aufstehen und sprechen konnten. Wir schauten uns aber nur verblüfft an und machten uns auf den Weg ans Dorffest. Dabei hielten wir uns wieder an den Händen und verloren jede Orientierung in dunklen Ecken (wir hatten keine Taschenlampen dabei), so dass wir nicht mehr wussten, wo oben und unten ist und der Boden irgendwie durch unsere Beine fuhr (was ich im Nachhinein als blosses Einknicken interpretiere).

Als wir nach langem und abenteuerlichem Vorwärtstasten und -stolpern endlich im Dorf ankamen (wir hatten absolut keine Ahnung, wie spät es ungefähr sein könnte), waren unsere Bekannten und Freunde total betrunken und bedrängten uns entsprechend. Ich erzählte wohl einige wirre Dinge um mich davon zu stehlen. Das Fest selbst erschein mir als eine Ansammlung komischer Wesen, die zwischen lustig und beängstigend hin und her schwankten. Unterdessen waren die Halluzinationen weitgehend zurückgegangen, aber ich hatte das Gefühl, dass aus der feiernden Masse Türme in die Höhe wuchsen, auf denen Clowns und fremdartige Tiere ihr Unwesen trieben. Wegen der zunehmenden Unbehaglichkeit unter lauter Betrunkenen zogen uns dann relativ rasch zurück und liessen den Rausch ausklingen.

Der Trip war am nächsten Tag weitgehend vorbei, ich hatte bloss noch eine Konversation meinem Vater zu erklären, der mich zu hause irgendwelche Sachen gefragt hatte, welche ich bloss mit unzusammenhängenden Antworten zu würdigen wusste. Zum Glück gibt’s für solche Fälle die Ausrede mit dem Alkohol…

PS: Die Geschichte scheint wohl etwas dick aufgetragen. Genau so hat sich der Trip aber zugetragen. Pj und Le bestätigten die selben Erscheinungen bis ins Detail (wobei beide heute leider nicht mehr allzu verlässliche Erinnerungen vorzuweisen haben).

Lysergsäurediethylamid

Im Verlauf von etwa einem Jahr entwickelte sich LSD zu einem Dauerbegleiter unserer «Clique». Eine längere Zeit verbrachten wir praktisch jedes Wochenende auf einem «Trip» (auch Psilocybin und Meskalin) und irrten entweder im Wald oder in unserem Städtchen rum. Das war in etwa in den Jahren 1995/96 in denen ich einige aussergewöhnliche Erlebnisse hatte, welche noch zu erzählen sind. Damals waren die «Miraculix 500» und die «Hoffmann-Jubiläums-Trips» (auch Fahrrädchen genannt) sehr in Mode. Beides Teile, die um einiges stärker waren, als die damals handelsüblichen «Filz» (gewöhnliche «Filz» werden mit etwa 100 Mikrogramm LSD angereichert, die Miraculix mit 500 und die Hoffmänner mit 750). Da wir uns an die Teile gewöhnten, war es nicht unüblich, dass wir von den normalen gleich zwei (selten auch mehr) einwarfen. Dies auch weil wir glaubten, dass man sich wie beim Kiffen mit der Zeit an den Flash gewöhne (beim LSD ist das Gegenteil richtig), und weil wir nach dem Motto rumdrogten: «Wenn, dann richtig».

Es entwickelte sich in unserem Kreis eine im Rückblick fatale Grundstimmung, die stark von nihilistischen Elementen geprägt war. Im Verlauf unserer dauernden LSD-Reisen gingen einige gute Freunde verloren. Diese Ausfalls- und (teilweise) Einlieferungserscheinungen korrespondierten aber folgendermassen mit unserer Einstellung: Wir waren uns einig, dass ein Leben auch dann ganz gut zu leben sei, wenn man «Hängengeblieben» war. Die Welt war ohnehin am Arsch, unser Leben hatte nichts zu bieten und in den Psychiatrien lachten die Menschen ja schliesslich auch. Man hatte unter der Woche ohnehin nichts was Spass machte und so verlegte man sein Leben auf die zwei Tage an ihrem Ende. Also machten wir mit dem fast wöchentlichen Konsum auch dann weiter, als die meisten von uns bereits mehrere Tage benötigten, um nach einem «Trip» wieder ganz runter zu kommen. Es fielen dann auch immer mehr Leute weg, angefangen bei Zg – den ich erst Jahre später im Zuge einer antifaschistischen Mission wieder zu sehen bekommen sollte – über Le bis es dann irgendwann mich erwischte und ich feststellen musste, dass es sich mit einer drogeninduzierten Psychose eben doch nicht (gut) leben lässt. Was es bedeutet, wenn einem die Wochen und Wochenenden plötzlich zu einem einheitlichen Brei verschwimmen, der von Fallen, Messern und allerlei «Zeichen» gespickt ist, soll hier aber später behandelt werden. Vorerst war noch alles einfach unglaublich.

Here we go

Irgendwann im Sommer 1995 kam die Substanz ins Spiel, die fortan unser fast ständiger Begleiter werden sollte. Lysergsäurediethylamid, besser bekannt als LSD. Wenn man sich heute Drogen-Informations-Portale durchsieht oder sich bei Leuten umhört, die es «gut meinen mit der Jugend», dann erfährt man immer eines: Wenn man mit psychedelischen Drogen anfängt zu experimentieren, dann bitte erst mit softeren Sachen und nicht gleich mit «Trips». Naja, bei mir kam’s ganz anders und zwar so:

An einem Mittwochabend trafen wir uns wie gewöhnlich um am sogenannten «Abendverkauf» abzuhängen. Am Mittwoch hatten die Läden in unserem Städtchen bis zwanzig Uhr offen und deshalb hatte man sich an der einzig halbwegs urbanen Strasse einzufinden. Nun brachte an diesem Abend Le ein kleines Stückchen Papier mit, welches er von irgend jemandem gekauft hatte und welches man «Trip» nannte. Da wir wie auch von sonst allem keinerlei Ahnung von der Wirkung hatten, beschlossen wir, das Teil einzuwerfen obwohl wir beide am nächsten Tag zur Arbeit musste. Nach gut einer halben Stunde glaubten wir, dass das Ding ein Fake war und beschlossen in einem Supermarkt einige Biere zu erstehen. Als wir die Pforte des Marktes durchschritten hatten bot sich mir ein ungeahntes Schauspiel. Das innere des Gebäudes erstreckte sich in weite Ferne und rund um mich herum schien irgendwie alles in Bewegung. Ausserdem hatte ich plötzlich das Gefühl, aus meinen Augen wie aus einem fremden Kopf zu schauen. Wir beschlossen doch kein Bier zu kaufen und machten – bereits lachend – auf dem Absatz kehrt und traten ins Freie. Dort stellte ich mit Erstaunen fest, wie verdammt hoch der Himmel eigentlich ist. Ich schaute Le an, der schien komisch rötlich zu leuchten und lachte mir ins Gesicht. Zeitgleich begannen wir zu laufen. Raus aus der Menschenmenge. Raus aus dem Dorf. Laut lachend fanden wir uns in einem Wohnquartier wieder, in welchem uns ein Hund bellend begrüsste, was uns veranlasste wiederum einige hundert Meter zu rennen. Lauthals lachend kamen wir auf einer Wiese hinter einem alten Schuppen zum stehen, der Trip hatte uns voll erfasst. Optisch hatte sich nicht allzuviel verändert: die Gesichter der Menschen waren zu komischen regungslosen Masken geworden und die Dinge um uns herum schienen in langsamer gleichmässiger Bewegung begriffen. Die Haut von Le schimmerte rötlich und sein Gesicht schien mir ziemlich fremd. Gefühlsmässig ging’s voll ab. Zum einen hatte ich wie auf LSD üblich ein sehr stranges Körpergefühl, wusste nicht mehr, ob ich auf die Toillette musste, wusste nicht, was mit meinen Armen anzufangen und hatte Knie wie Butter und eine Brust aus Wachs. Zudem hörte ich mir selbst beim Sprechen zu, was immer wieder Lachattacken auslöste, in welche Le einstimmte. Man kann die psychischen «Gefühle» leider kaum bis nicht beschreiben, es ist als wolle man etwas erklären, was ausserhalb des Erfahrungshorizonts der meisten Menschen ist. Als wolle man Glücksgefühle oder Angst jemandem erklären, der es nicht selbst nicht kennt. Wie auch immer. In diesem Zustand machten wir uns, nachdem wir nach etwa zwei Stunde herumirren und immer wieder neues entdecken an unseren «Stammplatz» zurückgefunden hatten, auf um bei Hs den restlichen Abend zu verbringen. Dieser bewohnte eine eigene Etage im Haus seiner Eltern. Ich war schon dutzende Male da gewesen, aber als ich das Zimmer betrat war alles anders: Die Bilder an den Wänden schienen aus dem Boden zu wachsen, das Bett war riesig und irgendwie in der Mitte verkrümmt, die Maserung der Holzbalken veränderte sich zusehends. Den restlichen Abend verbrachte ich damit, einen riesigen Knoten aus den Gardinenschnüren zu entwirren, was meine gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte und mich ziemlich nahe an einen Nervenzusammenbruch brachte.

Um etwa elf Uhr machte ich mich auf nach Hause um – mich an meinen Eltern vorbeischmuggelnd – gleich ins Bett zu gehen. Einschlafen konnte ich unmöglich, meine Gedanken kreisten um alles mögliche: um Formen, um Farben welche spontan vor meinen Augen erschienen und wieder verschwanden. Ich konnte keinen normalen Gedanken fassen und wenn ich die Augen öffnete, so sah ich mein Zimmer in drei Etagen bzw. Dimensionen unterteilt. So verbrachte ich die nächsten Stunden bei Dämmerlicht in meinem Zimmer und untersuchte mein Zimmer, bis ich schliesslich spät Morgens einschlief. Am nächsten Tag ging ich Arbeiten und schlief auf der Toilette ein.